Die Schreibwerkstatt trifft sich jeden zweiten Freitag im Monat 19:00 Uhr im Heimathaus Schöneiche, Dorfaue 8 und liest und diskutiert selbstverfasste Texte. Gäste sind gern willkommen, auch wenn Sie vorab keinen eigenen Text vortragen möchten.

 

PLÖTZLICHES SCHWEIGEN

In Folge von Sanierungsmassnahmen der sozialen Stadterneuerung muss eine fünfköpfige Familie für zwei Jahre in die Ersatzwohnung eines anderen Stadtteils überwechseln. Der Ehemann, ein Prokurist einer stadtbekannten Spedition, lässt auf Anregung seiner Frau und vermittels einer überraschend geistreichen Diskussion mit den Kindern, die Hälfte des Haushaltes, also alles was vorausschauend nicht unbedingt in den nächsten 24 Monaten benötigt wird, in einem betriebseigenen, unterirdischen Lagerraum magazinieren. Einhellige Freunde !

Weg mit den kaputten Spielsachen und verfehlten Geschenken der Verwandtschaft, weg mit all dem, was nur rumsteht, Platz wegnimmt und abgestaubt werden muss . . . und, man staunt wie grundsätzlich doch Veränderungen in den bisherigen Lebenszusammenhängen des familiären Verbandes einzuwirken vermögen, weg mit all den Fachzeitschriften, vergessenen Büchern, Münz-, Briefmarken- und Bierhumpensammlungen der letzten Jahrzehnte. Ja, man kann es gar nicht so recht glauben, weg auch mit der Myriade von zurückliegenden Urlaubsdias, Kisten von Schwarz-Weiss-Bildern, Kartons mit Farbabzügen und den dreissig Fotoalben von anno Tobak !

Dabei sind sich die Fünf einig: Benötigt man in diesem überblickbaren Zeitraum von 104 Wochen doch etwas vom Ausgelagerten, lässt Daddy es zur neuen, etwas kleineren, jedoch helleren Wohnung herüberbringen. Dreimal umgezogen, so kennen wir es von Benjamin Franklin, ist so gut wie einmal abgebrannt. Nun ganz so schwer trifft es die Familie nicht, nur die porzellane Schäferhundfigur der verstorbenen Oma gebricht, wieder einmal, ein Bein und die Ehefrau, schon immer etwas unsicher im verkehrstechnischen, öffentlichen Raum, verfährt sich in den ersten Tagen des öfteren beim Ansteuern der neuen Wohnung. Ansonsten überwiegen die positiven Aspekte der neuen Lebenszusammenhänge. Doch wie schon befürchtet, es fehlt in der Folge der kommenden Wochen einiges, durch den unzulänglichen Überblick der neuen Situation gegenüber, dass die Fünf nun, durch den betrieblichen Hintergrund des Haushaltungsvorstandes, herüberbringen lassen.

Doch wohlgemerkt, nur in den ersten Wochen. Denn danach geschieht es immer öfters, dass der Prokurist selbst den Keller aufsucht und das Fehlende nach Geschäftsschluss eigenhändig mitbringt. Es ist nicht so sehr der private Charakter der Einlagerung, als vielmehr ein inneres, treibendes Bedürfnis das ihn hinuntergehen lässt, in den doch, wie sich erst jetzt herausstellt, muffigen Lageraum, um dieses oder jenes zu suchen.

So sitzt er in den folgenden Tagen, umringt von abbröckelnden Wänden, ihrerseits Ausdruck der alles annagenden Zeit, sogar während der kostbaren Arbeitsstunden, gebannt auf einer dieser riesigen, hellbraunen Holzkisten und schaut über die verpackten Jahrzehnte und manchmal noch grössere, eingekistete

Perioden. Der Familienvater – natürlich erfährt niemand zu Hause bzw. in der Firma jemals etwas von seinem gerade entständen, etwas sonderbaren Faible – sucht den unterirdischen, fensterlosen Raum auf wie einen intimen Salon.

Es sind nicht die 150 Jahre alten Wände, die ihn in diesem unterirdischen Separee magisch anziehen, nein, es die eigene

Geschichte, die in Holz- und Pappkisten verpackt nebeneinander steht und wartet. Also nicht einer Funktion nachkommt, wie ein Schrank, ein Küchentisch oder ein Fernsehsessel und über Nutzung und Funktion in den Abläufen des Alltags zurücktreten, gar nicht mehr wahrgenommen werden. Nein, im Keller gibt es diese Bewegungen nicht. Hier herrscht die Gleichgültigkeit der Zeit aller Materie gegenüber.

So sitzt der Familienvater im grellen Schein nackter Glühbirnen jede Woche mehrere Stunden auf einer der riesigen Holzkisten und starrt auf die bewegungslose Dingwelt des An-Sichs. Das Handy, das er natürlich auch hier in seiner Manteltasche mit sich führt, hat er abgeschaltet. Zu sehr hat ihn die Vergangenheit gefangen. Etwas schwermütig starrt er aus sich heraus, fragend um sich herum. Was war denn nun wichtig ? Was war von all diesen Erwerbungen, Anschaffungen, Geschenken wirklich bedeutsam ? Wurde immer wieder benutzt ? Aber aus dem ihn umgebenden Schweigen erhält er keine Antwort.

Plötzlich brabbelt ein schwarzer, fast stahlblau schimmernder Käfer unter seiner Kiste hervor. Allein schon die auf einmal anwesende Bewegung führt ihn hinüber in die befreiende Entspannung eines Lächelns. Er ist so erfüllt, dass er den Keller sofort verlässt. Draussen auf der Strasse angekommen, tritt er in einen aus dunkelgrauen Wolken herabgiessenden Regen. Vergnügt zieht er die Kapuze seiner Gortex-Jacke über den Kopf und läuft sehr langsam und genussvoll durchatmend zu diesem Café mit dem schwarzen Metalltischen und abgewetzten Thoentstühlen, das er vor kurzem zufällig ebenfalls nach einer unterirdischen Exkursion, entdeckt hatte.

Mit einem verlängerten Espresso-Facundo sitzt er über eine halbe Stunde an einem der Fenstertische und schaut hinaus in die grösser werdenden Pfützen des leicht gewellten Trottoirs.

Eine kleine Schnecke kommt ihm auf dem Fenstersims entgegengekrochen. Er zündet sich eine Zigarette an und beobachtet den weiteren Reiseverlauf des Weichtieres. Völlig gebannt von den diskreten Bewegungen des vor ihm sich öffnenden Mikrokosmos, vergisst er die hinter ihm lesenden und sich mitteilenden Besucher der Lokalität. Als die Turmuhr der gegenüberliegenden Kirche 21:00 schlägt, bestellt er einen Amaretto. Langsam mit Blick auf seine unermüdliche Schnecke, die mittlerweile den Mittelbereich der hohen Fensterscheibe erreicht hat, lässt er die dicke Süsse durch seinen Mundraum fliesen. Um 21:10 zahlt er und ruft aus der Toilette des beschriebenen Restaurationsbetriebes seine Frau an und teilt ihr mit, dass er auf Grund von unvorhersehbaren Problemen in der Spedition, leider erst gegen 24:00 nach Hause kommen könne. Dann kehrt er zurück in den Keller.

Der Ehemann zieht aus einer goldenen Holzschachtel das Schulfoto seines vor zwanzig Jahren plötzlich verschwundenen Jugendfreundes Max Mehlig hervor. Gleich danach das Gruppenfoto eines Salzbergwerk-Besuchs in den sechziger Jahren. Die Jugendgruppe, mit der er damals nach Österreich gereist war, sitzt in weissen Jacken auf einem fünf Meter langen Karren und jeder hält sich an den Schultern seines Vordermannes fest. Er selbst schaut dabei am grimmigsten aus dem Foto heraus. Sofort fällt ihm dieser faszinierende Satz aus der HELLEN KAMMER ein: Das Foto ist das Vergangene und das Wirklich zugleich. Die Abbildung ist durch Lichteinfall über die Jahrzehnte unterschiedlich angegilbt und verfügt so über die verschiedensten Abstufungen von braun.

Der zeitreisende Familienvater schliesst den Fotokasten. Dabei fällt ihm der goldene Holzdeckel entgegen – das ist nicht sonderlich schlimm. Auf seiner Armbanduhr ist es 23:30. Er löscht das Licht, draussen regnet es noch immer in Strömen. Herrlich…! denkt er.

Die zeitliche Begrenzung seinens eigenen Lebens ist ihm, aus dem Keller kommend, zwingend bewusst. Soll er darüber sprechen ? Ebenso die Bedeutungslosigkeit des allgemein hoch gepriesenen Konsumbereichs. Einmal versucht er es tatsächlich,

im Kreise seiner Lieben, über seine Zweifel und Erkenntnisse Worte zu finden. Doch man tut es ab. Niemand kann ihm so recht folgen. So beginnt er über seine unterirdischen Gedankengänge zu schweigen.

Bedeutsam erscheint ihm im Verlauf der nächsten Wochen, ein Wintersonnenstrahl, der gerade durch die Wolken bricht; der gewohnte, oft erheiternde Diskurs im Kreise seiner Nächsten. Und dann, von ganz weit aus der Erinnerung kommend, ein vergessenes Bild . . . oder war es ein Gefühl: Im Sommer mit der ganzen Familie, höher beschleunigt, aber mit eigener Muskelkraft, sich durch die verschiedensten Naturräume bewegen. Wie konnte ich das vergessen: RADFAHREN !

Marcel Schock

IN MÖGLICHKEITSFLUTEN

Ein Ingenieur, in den späten fünfziger Jahren mit Sonnenenergie beschäftigt, konnte seine dafür entwickelten Patente mit grossem Gewinn verkaufen. Die schnell wachsende Solarindustrie, hatte jeglichen Bedarf grundsätzlichen Ideengutes. Beraterverträge binden in den folgenden Jahre in verschiedene Projektstudien der Solarthermik und Photovoltaiktechnik ein. Lassen den Junggesellen aber noch genügend Zeit, sich auch anderem zu widmen.

So erstellt er in seinem Rechner eine Reihe elektronischer Ordner mit im Alltag begegneter Menschen. Ob in Cafés, auf Parkbänken, zugigen Bahnhöfen, in Zugabteilen überall spricht er sein jeweiliges Gegenüber an. Doch halt ! Sozietär nicht alle, sondern nur bestimmte Menschen – aber mehr als er sich im Anfang vorzustellen vermochte. Nach einer kurzen Präsentation seiner Person, bitte er den intuitiv Angesprochenen, von sich zu erzählen. Alle sind erst einmal überrascht, ein Fünftel tut es.

Scheinen sie nach längerem Gespräch und einer weiteren Begegnung geeignet, so lässt er sie einen Vertrag unterschreiben, worin sie sich verpflichten, ihm, dem Ingenieur Sowieso, in halbjährlichen Abständen, weiter von sich zu berichten. Ausserdem erwünscht sind: Der Verlauf des Weekends, was sie weiter zu planen gedenken. Und jedes Jahr haben sie ihren Lieblingssong und ein aktuelles Bild mitzuschicken. Als Gegenleistung erhalten sie eine expandierende Solaraktie, mit zunehmenden Jahren und wachsendem Vertrauen einen sichern Tip an der Börse.

Wenn es seine Tätigkeiten erlauben, begibt sich der Ingenieur hinter seinem Haus in die Abendsonne eines dortigen Hügels. Denn er schätzt so sehr das sich ins Rötlich wendende Licht vor der hereinbrechenden Dunkelheit. Auch geht er öfters, in den dann anbrechenden Nächten, die Liste der zuerst Angeworbenen durch. Beginnt eine dieser Verbindungen zu versiegen, mahnt er an. Erscheinen die Mitteilungen allgemein unklar, fragt er nach. Da die Recherche des Lebens – wie er sie gerne nennt – ins dritte Jahr geht, haben sich mittlerweile etwa hundert Bundesbürger darin zusammengefunden.

Die Notwendigkeiten stärker einzugreifen verdichten sich im Sommer. So telefoniert er an einem Montag mit einer haltlos gewordenen Frau. Am folgenden Freitag trifft er sie im Schlosspark einer ihm unbekannten Kleinstadt. Er ist bei ihr, tröstet und kann das Schlimmste gerade noch ins allgemein zum guten Gereichten wenden. Oder er hält sich schützend dort auf, wo ein anderer, ein arbeitsloser Physiker, einen Grossteil seiner reichlichen Zeit im Alkohol ertränkt. Diese seltsamen Situationen häufen sich zunehmend, scheinen aber für eine Wiedergabe ungeeignet.

So ist er mit zwei Frauen, beide in den Wechseljahren, zu unterschiedlichen Zeiten sehr nah zusammen. Alle drei schätzen bald diese gelegentlichen Begegnungen. Gehen dazu noch nicht einmal ins Hotel, sondern fahren in die Wälder am Rande der Stadt. Dort geben sie sich, nach wenigen Schritten durch die Säulenhallen der Bäume, mit Genuss dem Fluss ihrer Sekrete hin. Glücklich umfangen sich – an Bäumen gelehnt – die aus ihren Häuten Gefahrenen. Dem Ingenieur scheint gerade die Leidenschaft zu zwei Frauen, eine der erfüllendsten Kombinationen. Wenn auch im Moralkontext westlicher Industriezonen verpönt, so kontrastiert doch eine Frau die andere. Es berauscht, Neues wird ausprobiert, wiederholt Unbekanntes fügt sich ein und alle haben immer mehr davon.

Im beginnenden Herbst ereignet sich Grundsätzliches und folgen grosse Brüche. Seltsame Abweichungen und Eigenwilligkeiten platzen in die Systematik, die für unseren Ingenieur kaum noch einzuordnen sind.

So hat einer nach zwanzig Jahren Ehe, mit drei Kindern, und einem Faible für Playmobilfiguren, aufgehört zu rauchen und ist ohne seinen familiären Anhang nach Australien ausgewandert. Eine andere, unverheiratet und zurückgezogen lebend, hat die Monotonie der Wochen und Monate dicke und beginnt im Fesselballon zu reisen. Sie schickt Ansichtskarten von Warnemünde, Rouen und Dünkirchen. Kurze darauf aus Bristol. Ein dritter gewinnt mit seiner neuen Digitalkamera bei einem Fotowettbewerb eine Safari in der Sahara. Kurz danach trudelt beim Ingenieur ein dicker Briefumschlag mit 300 Gramm feinsten Sandes ein. Eine vierte hat ihren Familiennamen so satt, dass sie eine neunstellige Nummer auswählt, um auf dem Standesamt zu beantragen sie als Nachnahme führen zu können. Das Amt bescheidet dies abschlägig, mit dem Argument, „dass der Mensch keine Nummer sein kann“.

Der Ingenieur fragt sich, ob er in diesen Fällen, nicht ebenfalls direkt eingreifen soll. Sie benötigen doch Hilfe ! Straucheln sie grundsätzlich ? Beeilen sie sich plötzlich, weil sie sich zu sehr langweilen ? Der Ingenieur, in zwei dicke Jacken eingepackt, nun seine Bank auf dem Hügel mit einer an der Spree tauschend, weiss sich ob dieser Veränderungen nicht zu helfen. Auch das wiederholte Durchblicken des Materials vermag ihm keine

Eingebung zu vermitteln. Auf diese Verwirrungen hin, sucht er eines Morgens, auf dem Weg zum Bäcker – zum ersten Mal in seinem Leben – ein Sonnenstudio auf. Aber auch der feine, dort sich ansammelnde Ozongeruch vermag keine Änderung im Gezweifeln zu bewirken.

So legt er in allen Ordnern dem Bereich FLUKTUATION an, dirigiert Abweichendes mit Maus und Cursor dort hin, bis ihn später Eintreffendes erleichtert wieder in den bisherigen Dateien tätig werden lässt. Ja, erleichtert ! Er gibt dies offen zu und denkt des weiteren bei sich, er tue damit nichts Unrechtes. Schliesslich halte er seine Systematik mit jener anderen Datei für die Unabwägbarkeiten des Lebens offen.

Und doch! Wenn Verhalten zu weit vom Bisherigen abzuweichen droht, verfolgt er über die Lehrer der Kinder, Bekannte, Ehegatten oder den Vorgesetzten den Strauchelnden. Der Solartechniker lässt in den dunklen Wintermonaten also keine Verbindung ungenutzt weiter Einfluss zu nehmen. Mit der notwendigen Aggressivität dringt er in die über lange Jahre entstandenen Strukturen ein, die durch Emotionalität und Regelmässigkeit eine ausschliessende Festigkeit erlangt haben.

Er lässt nicht locker. Hat er jedoch sozialen Boden unter den Füssen, wird er umsichtiger. Nicht immer gelingt es, doch wenn, gibt er gerne helfende Tips und Winks. Schliesst so schmerzende Lücken zwischen Generationen und vermittelt zwischen seit Jahren verfeindeten Ehepaaren. Er verlässt den Hintergrund, präsentiert sich als Hinzukommender, tut überrascht der nun offensichtlich werdenden Bekanntschaft, versucht danach aber ein integrer Teil des Ganzen zu werden.

Und so gelingt es ihm mit den Monaten immer öfter, zuvor getrennt Elemente in vitale Verbindungen zu überführen. Zu diesen Erfolgen zählen zwei Hetero- und ein Lesbenpärchen. Und nicht nur das! Am ersten Dezember wurde er sogar um die Patenschaft des kleinen Tyler Durden gebeten.

Marcel Schock

DER SCHAUFENSTERDEKORATEUR

 Vierzig Jahre arbeitet er bereits in der Warenpräsentation eines grossen Kaufhaus im Westen der Stadt. Es bleiben ihm noch fünf, dann würde auch seine grosse Freizeit anbrechen. Durch diesen begrenzenden Zeitraum, hatte er das Gestalten der grossen Schaufenster noch mehr zu schätzen gelernt. Da er vor sechs Monaten wieder Single geworden war, ging er donnerstags direkt nach der Arbeit, in eines dieser . . . Kinocenter. Dort schaute er sich die gerade gestarteten Filme an. Manchmal ging er auch in ein noch näher gelegenes . . kleines Nahkino (Pornokino). Diese Eskapaden mochte er wirklich nicht mehr missen.

An einem Donnerstag im Mai war es später geworden. Die Kollektion der Sommerbettwäsche war erst am Nachmittag über einen Expressboten herein gekommen. Er wurde zum Abteilungsleiter gebeten, das Fenster noch am Abend zu gestalten. Er willigte ein, die Auszubildenden hatten schon Feierabend, und so konnte er in aller Ruhe arbeiten.
Besonders die Gardinen- und Bettenabteilung mit den zu drapierenden Flächen, schätzt er sehr. Hier wurde ohne Puppen gearbeitet und das Material musste mit Nylonverspannungen so präsentiert werden, dass Muster und Ornamente ihren optimalen Look entfalten konnten. Es gab dafür keine Order aus der Zentrale in Frankfurt, man war völlig auf sich gestellt, die Bahnen so atmosphärisch wie möglich auf die Scheinwerfer auszurichten. Der Dekorateur liebte das!

Die flächige Warenpräsentation forderte über die weite Leere, die potentiellen Faltenwürfe des Materials sein ganzes Können heraus. Er hatte einen Narren daran gefressen an den fein changierenden Stoffflächen und den halbdurchsichtigen Gardinenbahnen. Es erinnerte ihn an die Urlaube in Marokko, Libyen, Namibia, an die Sandverwehungen in der Sahara und der Namib, wo Atlantik und Wüste mit ihren weiten Flächen direkt aufeinandertreffen.

Besonders die Spitzengardinen hatten für ihn schon in den ersten Jahren viel von Hitchcock, der zirkulierenden Mangel und dem Imaginären zu tun. Es regte ihn an und führte ihn weit in die seltsamsten Stimmungen hinein. Dazu noch die dezenten Gerüche der Materialien. Es war einfach . . . berauschend !

Er versuchte gerade eine Stoffbahn weit oben an der Decke anzutuckern, als ein schneidender Schmerz seine Brust durchzog. Er fasste sich ans Herz und kippte gleich darauf rückwärts in ein bereits drapiertes Bett. Dort zuckte er noch ein paar Sekunden, dann hörte es auf zu schlagen. Von der stark frequentierten Einkaufsstrasse waren so nur noch seine Füsse zu sehen. Sie steckten zwar in den bespannten Schuhen . . . fielen aber nicht weiter auf. Die meisten Passanten achteten sowieso nicht darauf, die Kollegen dachten in den folgenden Tagen er wäre wieder einmal in Urlaub gefahren und zu Hause warteten eigentlich nur seine Topfpflanzen auf ihn.

Am nächsten Tag kam eine alte Frau, die einen Rollator vor sich her schob, vorbei und schaute während einer Gehpause zur doch etwas absurd gestalteten Bettecke des Fensters hinüber. Während ihres zweiten Halts schaute sie länger, schüttelte den Kopf, schlurfte dann aber vor sich hinredend weiter.
Am zweiten Tag blieb sie länger stehen, um wiederholt die Blickrichtung geringfügig zu verändern. War die beste Position gefunden, starrte sie nur den Kopf bewegend mit erhobener Hand durch das Glas, durchsuchte mit ihren schwachen Augen den vorderen Bereich des Bettes. Es fiel ihr auf, dass der rechte Schuh der Puppe heruntergefallen war. Er lag unter dem bestrumpften Fuss, der für sie doch irgendwie seltsam in den Schaufensterbereich ragte.
Am dritten Tag entdeckte sie dann fünf Fliegen, die über dem hinteren Bereich des Bettes ihre Kreise zogen. Sie hatte einen Verdacht, als sie ihn einer Politesse mitteilte, offenbarte sich bald die Tragik er Ereignisse in ihrer verhängnisvollen Tiefe.

Auch in der folgenden Woche, kehrte „Miss Marple“ des öfteren nun mit einem Campingstühlchen zu dem Schaufenster
zurück. Sie sass dann stundenlang davor und starrte gebannt auf die ihr unheimlich gewordenen Stoffbahnen. Darunter, nahe dem Glas, lagen die eingetrockneten, auf dem Rücken liegenden Körper der Stubenfliegen. Links von sich, am arretieren Rollator, hatte sie ihren verwahrlosten Yorkshire Terrier angebunden. Dieser . . . interessierte sich aber weniger für die schrecklichen Ereignisse, hinter jenem Schaufenster, sondern mehr . . . für die heruntergefallenen Imbissreste der Einkaufenden . . . und die vorbeitreibenden Plastiktüten, die er kämpferisch ankläffte.

Marcel Schock

Auschwitz auf Lesbos

   Endlich ist es wieder so weit. An die achtzig Jahre hat es gedauert. Doch nun ist die Erkenntnis gereift, so wie bisher geht es nicht weiter, die Unzufriedenheit steigt, die Probleme sind nicht mehr zu meistern. Angst breitet sich aus, lähmt allenthalben das Geschehen. Und wer dazu schweigt und will das nicht sehen, macht sich mitschuldig am Elend der Zeit. Herbei eilen immer mehr Flüchtige aus aller Welt. Für sie scheint Deutschland wie ein Schlaraffenland aus alter Mär. Sie überwinden jedes Hindernis, scheuen kein Risiko mehr. Gefühlsduselei bringt uns nicht weiter, stürzt uns ins Verderben. Realpolitiker haben die Krux klar formuliert: Die ungebeten zu uns kommen, werden auf Lesbos oder in der lybischen Wüste in Lager konzentriert!

   Australien hat es vorgemacht, seit fünfzehn Jahren bewährt. 2001 ret­tete ein norwegischer Frachter 433 Flüchtlinge aus Seenot vor Indonesien, durchaus lobenswert. Der Kapitän, ein ehrenwerter Mann, steuerte pflicht­getreu die Weihnachtsinsel, australisches Außenterritorium, als nächstes Festland an, um die Flüchtlinge da abzusetzen. Vor der Weihnachtsinsel enterte australisches Militär widerrechtlich den Frachter und untersagte dem Kapitän, anzulegen im einzigen Hafen vor Flyin Fish Cove, dem Hauptort der Insel.

   Weihnachten: Kerzenschimmer, Glockenklang, Kinderchorgesang – Symbole für Frieden und Nächstenliebe auf der ganzen Welt. Fünf Tage umfuhr das Motorschiff die Insel. Der Australische Bund wollte verhindern, dass Flüchtlinge australischen Boden beträten, was automatisch das Recht auf Asylprüfung bewirkt haben würde. Die Weltöffentlichkeit hat das barbarische Taktieren vehement kritisiert. Die honorigen Bürger des fünf­ten Kontinents haben sich geriert, diese Notsituation als solche anzu­erkennen. Der UNO-Generalsekretär intervenierte: So rabiat mit Erdenbürgern zu verfahren, verstoße gegen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Die Australische Regierung reagierte beschämt und deklarierte eine „pazifische Lösung“. Die Flüchtigen wurden auf dem Inselstaat Nauru unter der Äquatorsonne zwischengelagert, eine Menschendeponie ohne ausreichend Wasser und Brot, damit sie mit sich selber reuig barmen: ach, wären wir nie geflohen. So wird seit fünfzehn Jahren strikt verfahren, völlig ungeniert. Eine Mutter von vier Kindern, allerdings ist sie geschieden, die Kinder leben beim Vater, das fünfte ist unterwegs, lobpreiste das australische Modell als brauchbare Lösung für die europäischen Staaten.

   Die von der alternativen Fraktion haben applaudiert und formuliert: die Insel Lesbos machen wir zum europäischen Nauru, ihr werdet sehen, schnell und reibungslos wird das geschehen. Und wie sich zeigt, christlich-konservative Parteien sind auch nicht abgeneigt. Wir müssen der Umvolkung ein Ende bereiten. Die ungarischen und österreichischen Politiker haben das längst kapiert. Auch Deutschland kann sich den Luxus mitmenschlicher Gefühle nicht länger leisten. Wir können nicht den Armen und Bedrängten der gesamten Welt bei uns im Bayrischen Wald, in Berlin, auf Hiddensee oder Rügen eine neue Heimat bieten. Lasst künftig alles Fremde draußen. Dazu berechtigt, ja sogar verpflichtet, ist jeder Staat. Es ist dessen vor­nehmliche Aufgabe. So einfach ist das.

   Noch weiß nämlich jedes Kind, wie in Auschwitz die Probleme gelöst worden sind. Schließlich geht es wieder um Millionen. Und täglich kommen mehr, zunehmend aus Afrika, die sind obendrein schwarz! Was soll denn das, wie wird das enden? Die lassen sich durch meterhohe Mauern und Stacheldrahtverhaue nicht verschrecken. Bei denen geht es buchstäblich um leben oder verrecken. Was die nicht kriegen, werden sie sich nehmen. Wir müssen künftig siegen und brauchen uns dafür nicht zu schämen.

   Barackenlager á la Konstruktion Büro Albert Speer, Sie kennen das doch noch, sind unübertroffen raumeffizient. Wir tun uns manchmal viel zu schwer. Verbrennungsöfen von Topf & Söhne, das Erfurter Mittel­ständische Unternehmen, wird rekonstruiert auf dem alten Firmengelände an der Weimarschen Chaussee. Gaskammern müssen nicht wieder sein. Nein, bei den miserablen Bedingungen in diesen Hotspots auf Lesbos gehen die meisten von selber zugrunde, Frauen und Kinder zuerst. Es fällt uns nicht leicht, aber den Medien darf kein Zugang gewährt werden. In aller Stille erfüllen wir Volkes Wille. So soll es sein. Es gibt genügend andere Aufgaben und zu lösende Probleme.

Das auszusprechen sich keiner schäme.

Scheiß auf die Häme der Weltverbesserungsillusionisten.

Schließlich leben wir in einer Welt von Christen.

In Gottes Namen.

Amen.

 

Klaus Werner Hennig

Kleider

 

   Als es kaum Auswahl in den Läden gab, da wusste meine Frau noch, was genau sie wollte. Da fuhr sie mit mir zielgerichtet in die Stadt, wir gingen schnurstracks ins Geschäft hinein, es gab davon nicht allzu viele, und die Verkäuferin, sie bückte sich, griff ohne Suchen untern Ladentisch und zog ein Kleidungsstück hervor, nach erstem Eindruck von Dior, auf jeden Fall die Haute Couture. Und meine Frau, sie flüsterte, ick liebe dir. Und die Verkäuferin erhielt zusätzlich einen Schein, bedankte sich und knickste leicht mit einem Bein.

   Doch heute, Kataloge türmen sich zuhauf.  Es wird geblättert, angekreuzt, verworfen und stöhnend aufgeschaut, ich soll entscheiden. Ich? Wieso denn ich? Was geht’s mich an, ob dein Pullover blau, rot, gelb, grün oder sonst wie knallt? Die Modefarbe der Saison, wer kennt die schon? Die wechselt ständig. Nimm am besten Ton in Ton, dann bist du immer schick. Bei Modefarben wär es reiner Zufall oder Glück. Da halte ich mich lieber raus und sage, das Budget wird dir nicht limitiert. Es ist das äußerste, was du von mir verlangen kannst.

   Prêt-à-porter im Schlussverkauf ist preisgesenkt wie nie zuvor, haucht meine Frau mir noch ins Ohr. Und blättert und blättert, knickt in alle Seiten, die sie interessieren, Eselsohren ein. Ich dünke mich total verloren, fang wie ein Esel an zu schreien: iah.

   Sie barmt und stöhnt, ich stünde ihr nie bei, derweil ich ihr schon lange keine Hilfe sei. Doch plötzlich hält sie inne, seufzt mit Einsicht: Gott sei   Dank, er ist ja proppenvoll, mein Kleiderschrank.

Sieh an.

 

Klaus Werner Hennig

Syrisches Klagelied

 

   Sind aus fernem Land durch die Wüste gerannt, dem Verdursten nah, am Meeresstrand dichtgedrängt auf ein Schlauchboot gezwängt, in Seenot geraten, steuerlos hin und her geschwemmt, dem Ertrinken nah, ausgezehrt an Land gekrochen, Urlauber starrten wie auf wildes Getier, auf Ungeziefer, das im Abfall wühlt und im Erdboden nach Fressbarem scharrt. Haben im Verborgenen ausgeharrt auf der Suche nach dem Weg ins gelobte Land, nur wusste keiner mehr, welches Land das wirklich wär. Ob Deutschland? Oh Deutschland, Deutschland über alles – ob Deutschland das wirklich ist, bleibt schleierhaft, ungewiss. Wir hörten Entsetzliches von Schmährufen, Hasstiraden, Brandanschlägen, von Rowdys, die über kleine Kinder gebeugt, es ist nicht zu fassen, ihren Urin ablassen. Aber auch von Willkommensbekundung, Mitgefühl, ja Mitmenschlichkeit mit großem Bahnhof, viel Beifall und wohltuender Aufmerksamkeit. Auf einer Welle großzügiger Spendenfreudigkeit wurden Scharen junger Männer, Frauen und Kinder willkommen geheißen. Trotzdem, wir waren gewarnt, uns vorzeitig registrieren zu lassen, vorsichtshalber den Pass entsorgen, Dokumente vernichten, verschweigen, wer wir wirklich sind. In einer Sprache palavern, die kein Mensch, die du selber nicht verstehst. Schlage dich anonym durchs weitere Leben, eine zweite Heimat wird weder dir noch mir je gegeben. Wie es scheint, ist es hoffnungslos. Meine Großmutter hat zu mir gesagt: Mein Junge, solange du lebst, sei dankbar denen, die dich am Leben lassen, denn dort, wo du herkommst, ist für dich zu leben nicht mehr möglich gewesen. Wahrlich, ich sage euch, so ist es und nicht anders.

   Am Tage schlafen, versteckt im Gebüsch, so gut jeder kann, wobei ständig grauenvolle Albträume uns plagen. Nachts schloss ich mich einer Gruppe Flüchtiger an. Durch die Fenster in übervolle Züge sich stopfen und quetschen, keiner wusste, wohin die Waggons überhaupt rollen, an Achsen von Schwerlasttransportern sich klammern, zu Fuß auf steinigem Pfade bergan, immer weiter geflüchtet nach Norden. So gelangten wir übers Gebirge hinweg, erreichten flaches Land, wo Milch und Honig fließen, für Mensch und Tier ausreichend Körner wachsen. Wir haben bloß noch das Hemd am Leibe, erbitten kein Zuhause, nur eine Bleibe. Die Hoffnung lassen wir uns nicht nehmen. Wir müssen uns unserer Herkunft, unserer Hautfarbe, unseres Glaubens und des Wunsches auf bezahlte Arbeit, von der wir leben können, nicht schämen. Das ist Menschenrecht.

   Wir möchten kein grünes oder gelbes Bändchen ans Handgelenk, keine Nummer in den Unterarm eintätowiert bekommen oder uns anderweitig registrieren, stigmatisieren, einpferchen lassen, dafür sind wir nicht durchs Meer geschwommen. So viele Menschen auf der Flucht, wir werden im gelobten Land zwar geduldet und dennoch von denen verflucht, die an Hoffnungen für sich selber hangen und sich vor anbahnendem Verteilungskampf um Billiglohnjobs und bezahlbaren Wohnraum bangen, und das nicht nur in Dresden, Leipzig und Brandenburg. Hinterfragt wer die Gründe, wenn der Straßenmob randaliert, die Bundeskanzlerin als verräterische Fotze schimpfiert? Oh sancta Mama Angela, mater dei, lasset die Kindlein zu ihr kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes. Lob sei Allah, dem Weltherren, dem Allerbarmer, dem Barmherzigen in Ewigkeit, amen.

   Mit euren Waffen, die ihr gewinnbringend exportiert, werden seit Jahren in unserem Land erbarmungslos Kriege, jeder gegen jeden, geführt, die unsere Heimat total zerstörten. Weil es euch zu gut geht, haben wir für uns nichts mehr zum Leben, können unsere Kinder in keine Schule mehr geben. Deshalb sind wir scharenweise fortgerannt, haben uns aufgemacht, wurden gehetzt, sind wochenlang gelaufen, zu guter Letzt durchs Meer um unser Leben geschwommen, auf allen Vieren kriechend zu euch an die Küsten Europas gekommen. Schlagt mit Stöcken auf uns ein, spuckt uns an, sperrt uns ein, verteilt Almosen und schiebt uns morgens in aller Frühe in eures Gottes Namen ins „sichere Herkunftsland“ gnadenlos ab. Wir werden trotzdem wieder zu euch kommen, immer wieder, millionenfach, bis ihr an uns zurückgebt, was ihr uns genommen habt.

Demütig kauern wir an meterhohen Mauern, ausdauernd wartend vor Zäunen mit Stacheldrahtverhau.

Harrend in Hunger, Elend und Not.

Heute noch lebendig.

Morgen schon tot.

 

Klaus Werner Hennig

Die gute Mutti bittet zu Tisch

   Einmal monatlich ist Familientag. Das muss sein. Darin sind wir uns einig, meine Frau und ich. Die Kinder folgen der Einladung widerwillig, aber letztlich fügen sie sich – noch ist es so. Im Zug der Zeit flattert eh alles auseinander. Kein familiärer Zusammenhalt, so wie in früheren Zeiten bei den Eltern nach dem Krieg. Nach welchem, fragen die Enkelkinder. Ja, trotz der totalen Nieder­lage, es wurde jedes Fest gefeiert. Wenig stand zwar auf dem Tisch, aber da wurde kein Blatt mehr vor den Mund genommen, gescherzt, gelacht und allemal gesungen: So ein Tag, so wunderschön wie heute. Ein schöner Tag, und dass er nie vergehen sollte. Na ja.

   Die Kinder sind nun groß, erwachsen, Gott sei Dank, verheiratet und haben selber welche. Wenn alle dann einmal im Monat beim Familientag beisammen sind, halten wir kein Referat, fordern keinen Rechenschaftsbericht, aber es wäre nicht zu viel verlangt, wir würden wenigstens grob informiert. Ein jeder schil­der­te kurz die wichtigsten Ereignisse, wie geht’s den Kindern, was ist passiert, schätzt die Erfolgsaussichten ein und resümiert ganz offen, was derzeit nicht in Ordnung ist, nennt seine Schwächen, seine Stärken und sagt, ob man ihm helfen soll, die Wirtschaftskrise zu bemeistern. Wir als die Eltern behielten so die Übersicht, könnten behutsam reagieren, beraten, loben, tadeln, diskutieren – anspornen zu neuen Anstrengungen und Taten. Und keiner verlöre sein Gesicht, wenn es allmonatlich heißt, die gute Mutti bittet zu Tisch.

   An so einem Tag wäre was los. Aber sie sitzen alle nur da wie Mohnenkloß, rund um den Tisch, sagen artig bla, bla, bla, sind freundlich bli, bla, blö, erzählen den einen oder anderen Witz, sagen uns aber nicht, was sie wirklich bewegt. Was sind ihre Pläne, wohin möchten sie gehen? Gegen welche Widerstände müssen sie kämpfen, welche Gefahren bestehen? Ihre Sorgen verschweigen sie uns. Nein, wir dürfen sie nicht beraten, wüssten eh alles besser und würden ihnen bloß schaden.

Danach trösten wir uns. Alles in allem, sie sind gut geraten. Haben ihr eigenes Leben.

Eben.

Klaus Werner Hennig

Idomeni

   Ein alter Mann über die Achtzig, Minister a. D., schläft in seinen Schlafsack gehüllt aus Solidarität mit den Flüchtenden dieser Welt, als nachts in einem Zelt nebenan eine hochschwangere Frau ihr Kind gebiert und kein Arzt, kein Geburtshelfer zur Stelle ist, der ihr beistehen kann. Ihr Ehemann wartet in Deutschland in einem Flüchtlingscamp. Dorthin möchte sie unbedingt. Sie schreit nicht, sie beißt die Zähne zusammen und wimmert leise vor sich hin. Der alte Mann, jetzt hellwach, hat es mitbekommen, kriecht aus seinem Zelt, stapft durch den Schlamm, will helfen als Christenmensch. Die Mutter hat sich die Nabelschnur selbst durchgebissen, bettet das schreiende Neugeborene auf das einzige Kissen im Zelt, daneben liegen drei weitere Kinder mit aufgerissenen Augen in eine Decke gehüllt, frierend, hungernd. Sie sagen nichts, halten sich eng umschlungen. Das Kerzenlicht flackert. Klaglos wäscht die Frau das Neugeborene in einer Regenpfütze, lächelt beglückt. Der alte Mann schaut entgeistert, spricht von Kulturschande für Europa, möchte helfen, holt trockene Tücher. Die Mutter bedankt sich, thank you, Germany, thank you, legt sich das Kleine an die Brust. Es ist ein Junge, sie hat es gewusst. Er soll Djadi heißen, flüstert sie in die eiskalte Nacht, es bedeutet, „mein Glück“; denn sie hat ihn gesund zur Welt gebracht, mutterseelenallein, hier in Idomeni, in Griechenland, an der Grenze zu Mazedonien, umgeben von Zäunen und endlos ausgerolltem Stacheldraht.
   Dafür gibt es Zeugen.
   Doch wer klagt wen an?
   Und vor welchem Gericht?

Klaus Werner Hennig

 

LIEBST DU MICH

Liebst du mich
Lieb ich mich


Tage - Wochen und Wochen
Ziehen durch
Übereinander
Geflochtene
Welten

Unsere Kicks
An der Kasse -
Übertriebene
Tierliebe

Du und ich
Ich und du
Anfangen und abbrechen
Die Notwendigkeiten
Wechseln ab

Du gibst dir Mühe -
Versuche dir nachzueifern
Das Meiste gelingt -
anderes bleibt liegen -
Wird vergessen
Ohne Reue -
Im Karneval
Der Zeiten

Der Raum kommt
Medial beheizt
Zum Körper

Sind wir auch
Nicht wichtig
- zugegeben -

Nichts ist
Wichtiger
Als wir

Wissen wir das

Lieb ich mich
Liebst du dich

 

Marcel Schock

FRAGILER WANDEL

Zuerst haben sie sich die Götter
und das Jenseits genommen

Etwas später ihre Maschinenparks
die Arbeit übernommen

Sie haben den Raum gegen die "Zeit"
eingetauscht, die immer knapper wird

Dann ist ihnen mehr und mehr
das Gegenüber abhanden gekommen

Ihr Einzelner beginnt sich aufzulösen
und jetzt wird auch noch der Sand knapp

Marcel Schock

KRAFTWERK

In der Dämmerung des Abends
legt sich das Grau des Wartens
auf unzählige Bücher
und andere Flächen des Raums

Das Koma der unbelebten Materie,
dieses positive Reich der Jahrhunderte
breite sich aus im Innern
deiner äusseren Welt

Alles ist vorhanden

Da . . . .  die Schreibtischlampe,
die Steckdose an der Wand,
dazwischen das Kabel
und irgendwo ein Kraftwerk

Die Konturen beginnen sich aufzulösen
im Herannahen der Nacht

Nur du

Betätigst im Dunkel des Zimmers
den kleinen Schalter der Lampe
unzählige Elektronen beginnen zu fliessen
und verwandeln den Schlaf der Dinge
in eine Welt aus Licht und Schatten

Marcel Schock

LITANEI IN ZEITEN DER SILIZIUMCHIPS

Ich sage, aus Geben ist Nehmen geworden

Ich sage, Technik beschleunigt - Rhetorik verzögert

Ich sage, Sonderangebote sind nicht meine Sache - 
die führen nur zu Verstopfungen

Ich sage, lieber früh ins Bett als Television -
im Dunkeln geht es ja weiter

Ich sage, es geht darum rückwärts zu wiederholen -
aber vorwärts zu erinnern

Ich sage, das Wichtigste ist immer mehr vergessen
worden - das fängt ja schon beim Atmen an

Ich sage, lieber an-greifen als zu-nehmen -
das Meiste hat man ja sowieso

Ich sage, das Atemberaubende lehne ich ab -
will mich aber künstlich aufregen

Ich sage, lernen durch Neugier -
wie damals bei den ersten Schritten

Ich sage, das Gehirn ist unser Werk -
aber wir wissen es nicht

Ich sage, in mir habt ihr einen -
mit dem ihr nicht schreiben könnt

Ich sage, am Ende kann wieder keiner
dafür - wie es  angefangen hat

Marcel Schock

SINGULÄRE WIEDERHOLUNG

Gerade noch ein kostbarer Augenblick,
die Waschmaschine dreht sich wieder.
Doch auch ständig und währenddessen
die ganze unsere seltsame Welt...
und die Uhr, und die Uhr an der Wand macht Tick

Wissen wir was auch immer kommen mag,
es gibt ihn nicht den grossen Stillstand.
Alles pumpt, atmet, dreht und bewegt sich,
die "Zeit" ist eine Maschine ohne Zeiger...
und die Uhr, und die Uhr an der Wand macht Tack

Ist ihre Unruhe auch ihr grösster Trick,
so ahnen wir doch, die "Zeit" gibt es gar nicht.
Es gibt nur den Raum, das Licht und die Momente
. . . . . . . die beständig ineinander übergehen 

Marcel Schock

SELBST IST DER MANN

Gehen sie aus dem Haus, bitte links herum, wie
ist das - beschreiben sie was sie sehen, nein,
nicht die Fahrzeuge und nicht die Polizei an
der Ecke.

Steuern sie das nächste Cafe an, setzen sie sich,
fühlen sie die Marmorplatte. Schreiben sie das.
Lehnen sie sich an, bestellen sie einen Kaffee.
Nein, streichen sie die Bestellung. Schauen sie
sich um.

Nicht den engen Eingang, den Typ rechts davon,
mit Kopfhörern und Zeitung. Schreiben sie, dass
er bald sterben wird, in einem ICE nach Bayern.

Nein, lassen sie Bayern und diesen Menschen ganz
weg. Der Mann ist jetzt eine Frau. Sie ist hübsch,
ihr Zopf passt gut zu ihrem beigen Kleid. Schreiben
sie das.

Sehen sie die Träger ihres BH's. Sie hat ihn vor
eine Stunde gekauft, sie fühlt sich wohl und sexy
darin. Jetzt ist ihr der Bleistift runtergefallen,
aber sie hat es nicht bemerkt. Heben sie ihn auf.
Legen sie ihn auf ihren Tisch, nicken sie ihr zu.
Sie wird sie belohnen. Schreiben sie das.

 

Marcel Schock

Die Texte unterliegen dem Urheberrecht und sind nicht zur freien Verwendung vorgesehen.

1 Kommentar

  1. Carola Kautz

    Sehr geehrter Herr Henning, vielen Dank für den 2. Platz meiner Tochter Swantje Kautz.

    Ihre hier gezeigten Texte sind interessant und ich werde mich weiter informieren.

    Ich bin neugierig auf die anderen Texte der jugendlichen Schreiber und verbleibe mit freundlichen Grüßen aus Frankfurt Oder, Carola Kautz

    Antworten

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