Die Schreibwerkstatt trifft sich jeden zweiten Freitag im Monat 18,30 Uhr im Heimathaus Schöneiche, Dorfaue 8 unter Leitung von Frau Antje Wilding und liest und diskutiert selbstverfasste Texte. Gäste sind gern willkommen, auch wenn Sie vorab keinen eigenen Text vortragen möchten.

Die gute Mutti bittet zu Tisch

   Einmal monatlich ist Familientag. Das muss sein. Darin sind wir uns einig, meine Frau und ich. Die Kinder folgen der Einladung widerwillig, aber letztlich fügen sie sich – noch ist es so. Im Zug der Zeit flattert eh alles auseinander. Kein familiärer Zusammenhalt, so wie in früheren Zeiten bei den Eltern nach dem Krieg. Nach welchem, fragen die Enkelkinder. Ja, trotz der totalen Nieder­lage, es wurde jedes Fest gefeiert. Wenig stand zwar auf dem Tisch, aber da wurde kein Blatt mehr vor den Mund genommen, gescherzt, gelacht und allemal gesungen: So ein Tag, so wunderschön wie heute. Ein schöner Tag, und dass er nie vergehen sollte. Na ja.

   Die Kinder sind nun groß, erwachsen, Gott sei Dank, verheiratet und haben selber welche. Wenn alle dann einmal im Monat beim Familientag beisammen sind, halten wir kein Referat, fordern keinen Rechenschaftsbericht, aber es wäre nicht zu viel verlangt, wir würden wenigstens grob informiert. Ein jeder schil­der­te kurz die wichtigsten Ereignisse, wie geht’s den Kindern, was ist passiert, schätzt die Erfolgsaussichten ein und resümiert ganz offen, was derzeit nicht in Ordnung ist, nennt seine Schwächen, seine Stärken und sagt, ob man ihm helfen soll, die Wirtschaftskrise zu bemeistern. Wir als die Eltern behielten so die Übersicht, könnten behutsam reagieren, beraten, loben, tadeln, diskutieren – anspornen zu neuen Anstrengungen und Taten. Und keiner verlöre sein Gesicht, wenn es allmonatlich heißt, die gute Mutti bittet zu Tisch.

   An so einem Tag wäre was los. Aber sie sitzen alle nur da wie Mohnenkloß, rund um den Tisch, sagen artig bla, bla, bla, sind freundlich bli, bla, blö, erzählen den einen oder anderen Witz, sagen uns aber nicht, was sie wirklich bewegt. Was sind ihre Pläne, wohin möchten sie gehen? Gegen welche Widerstände müssen sie kämpfen, welche Gefahren bestehen? Ihre Sorgen verschweigen sie uns. Nein, wir dürfen sie nicht beraten, wüssten eh alles besser und würden ihnen bloß schaden.

Danach trösten wir uns. Alles in allem, sie sind gut geraten. Haben ihr eigenes Leben.

Eben.

Klaus Werner Hennig

Idomeni

   Ein alter Mann über die Achtzig, Minister a. D., schläft in seinen Schlafsack gehüllt aus Solidarität mit den Flüchtenden dieser Welt, als nachts in einem Zelt nebenan eine hochschwangere Frau ihr Kind gebiert und kein Arzt, kein Geburtshelfer zur Stelle ist, der ihr beistehen kann. Ihr Ehemann wartet in Deutschland in einem Flüchtlingscamp. Dorthin möchte sie unbedingt. Sie schreit nicht, sie beißt die Zähne zusammen und wimmert leise vor sich hin. Der alte Mann, jetzt hellwach, hat es mitbekommen, kriecht aus seinem Zelt, stapft durch den Schlamm, will helfen als Christenmensch. Die Mutter hat sich die Nabelschnur selbst durchgebissen, bettet das schreiende Neugeborene auf das einzige Kissen im Zelt, daneben liegen drei weitere Kinder mit aufgerissenen Augen in eine Decke gehüllt, frierend, hungernd. Sie sagen nichts, halten sich eng umschlungen. Das Kerzenlicht flackert. Klaglos wäscht die Frau das Neugeborene in einer Regenpfütze, lächelt beglückt. Der alte Mann schaut entgeistert, spricht von Kulturschande für Europa, möchte helfen, holt trockene Tücher. Die Mutter bedankt sich, thank you, Germany, thank you, legt sich das Kleine an die Brust. Es ist ein Junge, sie hat es gewusst. Er soll Djadi heißen, flüstert sie in die eiskalte Nacht, es bedeutet, „mein Glück“; denn sie hat ihn gesund zur Welt gebracht, mutterseelenallein, hier in Idomeni, in Griechenland, an der Grenze zu Mazedonien, umgeben von Zäunen und endlos ausgerolltem Stacheldraht.
   Dafür gibt es Zeugen.
   Doch wer klagt wen an?
   Und vor welchem Gericht?

Klaus Werner Hennig

 

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