„Ich will gar nicht frei verfügen können…“

uweklettLieber Uwe Klett, war das deine Idee, als gemeinsamer Kandidat von GRÜNEN und LINKEN zur Schöneicher Bürgermeisterwahl anzutreten?
Die Idee kam aus Schöneiche selbst – von LINKEN und GRÜNEN, die gemeinsam in der Gemeinde was bewegen wollen, Unterschiede aber nicht negieren und dennoch offen sind für ein Projekt, das mehr sein sollte als eine Personalie. Bei der jetzigen Wahl geht es nicht um Parteiprogramme. Dafür sind die Kommunalwahlen zu den Gemeindevertretungen und Stadtverordnetenversammlungen eher der richtige Platz. Bürgermeister haben zu moderieren, anzustiften – bitte auch sozial und ökologisch – und Mehrheiten für gute Kommunalpolitik zu suchen. Ein breiteres Bündnis ist da immer hilfreicher als das alleinige Parteiticket – wie auch Fredersdorf-Vogelsdorf (leider) bewies.

Du bist bereits Bezirksbürgermeister in Marzahn-Hellersdorf und Bürgermeister in Fredersdorf-Vogelsdorf gewesen. Jetzt bist du im Ruhestand. Warum tust du dir das nochmal an?
Was heißt Ruhestand! Mit 57. Ist doch wohl eine Frechheit, auf der politisch faulen Haut zu liegen. Und mehr als 20 Jahre Verwaltungserfahrung zu haben ist auch in der LINKEN nicht übermäßig im Angebot. Ich bin den Schöneichern sehr dankbar, dass sie mich angefragt haben, zumal ich doch den Eindruck in den letzten Monaten gewann, dass ich von meiner Brandenburger Partei nicht mehr gebraucht werde.Beschreibe dich in drei Sätzen.
Ohne Selbstbeweihräucherung? Das kann nur schief gehen. Ich versuche es: Als ehemaliger Sozialstadtrat in Hellersdorf bin ich ein „Gerechtigkeitsfanatiker“ – und das als promovierter Ökonom! Ich bin ein Visionär, der kommunale Verantwortung über das tägliche Verwaltungskleinklein hinaus auch in einer strategischen Ortsentwicklung für die nächsten Jahrzehnte sieht. Und ich bin als Fahrradfahrer und ÖPNV-Nutzer ein Mobilitätslobbyist für jung und alt, die nicht mit den Auto fahren können, wollen oder müssen.

Welchen Geheimtipp würdest du einem Besucher von Schöneiche geben?
Ob das wirklich geheim ist? Eine ehemalige Schlosskirche als Konzert- und Bürgersaal, in der auch junge Menschen die Jugendweihe feiern und, wenn es gewollt ist, sich später auch das Ja-Wort geben können. Und wer weiß schon wirklich noch, das in Schöneiche-Fichtenau die „Rosa-Luxemburg-Schule“ der KPD ihre Heimat hatte – heute ein Wohnhaus.

Beschreibe in drei Sätzen, wie Schöneiche sich während deiner Amtszeit entwickeln sollte.
Es sollte Gartenstadt bleiben – vor den Toren Berlins. Umfassende Bildungschancen für alle Kinder ab der Kita bis zum Abi und das Pflänzchen „tolerantes und demokratisches Miteinander“ weiter pflegen und hegen, auch als Einladung für alle, die da noch kommen werden.

Welchen Satz sollte man öfter in der Gemeindevertretung hören?
Da maße ich mir jetzt kein Urteil an. Hut ab vor den ehrenamtlichen Bürgervertretern! Vom ich zum wir oder wie Gerhard Schöne sang: „mit dem Gesicht zum Volke“ – das gilt natürlich auch für Bürgermeister.

Was würdest du mit einer Million Euro aus dem Haushalt anfangen, wenn du darüber frei verfügen könntest?
Ich will gar nicht frei verfügen können. Die Bürgerschaft und die Gemeindevertretung würde ich einladen, über den unerhofften Geldsegen zu debattieren und das Richtige für die Gemeinde auszuloten.

Ein erster Kommentar auf einer lokalen Internetseite lautete sinngemäß: Oh nein, ein ehemaliges SED-Mitglied. So einer will unser Bürgermeister werden. Niemals! Was würdest du dieser Person antworten?
Wer in der DDR benachteiligt wurde oder gar Schlimmeres erlebte, bei dem kann ich mich als ehemaliges SED-Mitglied nur entschuldigen, wie ich es 1995 bei meiner Wahl zum Bezirksbürgermeister tat. Aber wenn die Ablehnung von Mitläufern oder Gewendeten kommt, dann hält sich meine Nachdenklichkeit in Grenzen. Ich bin 1992 in die Kommunalpolitik gegangen, gerade um Demokratie zu lernen und zu leben – auch in diesem uns neuen Land – mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Aber wegducken, nicht hinterfragen, sich nicht mehr einmischen – dass ist mein Ding nicht mehr.

Was wäre deine erste Amtshandlung?
Kein Brimbamborium. Eine Gespräch mit allen Mitarbeitern der Verwaltung, denn ohne die ist auch ein Bürgermeister nicht viel wert. Und anschließend mit dem Vorsitzenden der Gemeindevertretung gemeinsam das Fahrwasser der Gemeindedemokratie ausloten, damit alle ins Boot steigen können, die die Gemeinde in die Zukunft steuern wollen. Aber halt! Noch nicht das Fell verteilen, bevor der Bär erlegt ist.

Das Interview führte Eva Viertel. Es erschien zuerst in der Oktober-Ausgabe des „Widerspruch“, der Zeitung des Kreisverbandes DIE LINKE Oder-Spree.

DIE LINKE
Rund 60 Mitglieder und parteilose Unterstützer*innen sind DIE LINKE in Schöneiche bei Berlin. Bei der Kommunalwahl im Mai 2019 erhielt unsere Partei mit 17,5 Prozent die zweitmeisten Stimmen. Die Linksfraktion in der Gemeindevertretung hat vier Mitglieder und benennt 10 sachkundige Einwohner*innen.