Wollen wir eine Schule für alle Kinder?

Viel wurde hier schon über die neue Chance für eine weiterführende Schule in Schöneiche geschrieben. Gemeinsames Ziehen am selben Strang hat der Gemeinde neue Spielräume eröffnet. Dass eine weiterführende Schule her soll, darüber können sich schnell alle einigen. Kontroverser geht es zu, wenn es nun konkreter wird. Wollen wir eine Schule für alle Kinder?

Bevölkerungs- und Schülerzahlprognosen

Damit der Landkreis Oder-Spree in Schöneiche tatsächlich eine weiterführende Schule errichtet, muss der Bedarf dafür (erneut) nachgewiesen werden. Zu diesem Zweck hat die Gemeinde das Planungsbüro LPG GmbH damit beauftragt, einen neuen gemeindlichen Schulentwicklungsplan (SEP) zu formulieren. Darin enthalten sind Prognosen für die Entwicklung der örtlichen Bevölkerung und der Schülerzahlen. Das Ergebnis in aller Kürze: Es sieht gut aus. Im günstigsten Fall wächst Schöneiche bis 2030 auf rund 13.400 Einwohner. Entsprechend soll auch die Zahl der Schülerinnen an den beiden Grundschulen von derzeit rund 650 auf etwa 820 ansteigen. Dort wird es also noch enger als bisher, Um- und Anbau wird nicht zu vermeiden sein.

Bedarfsanalyse für weiterführende Schule

Schließlich findet sich im Entwurf für den neuen SEP (Stand 6. Oktober 2017) die beabsichtigte Bedarfsanalyse für eine weiterführende Schule. Und hier wird es knifflig. Laut Planungsbüro wechselt jedes Jahr etwa die Hälfte der Kinder eines Jahrganges aus den Schöneicher Grundschulen auf ein Gymnasium. Hinzu kommen weitere 17 Prozent, die nach der 6. Klasse eine Gesamtschule oder Oberschule mit gymnasialer Oberstufe – also der Möglichkeit, dort nach 13 Jahren ein Abitur zu machen – besuchen. Der Rest, also etwa ein Drittel der Grundschulkinder, geht auf eine Schule ohne gymnasiale Oberstufe.

Wer kann auf ein Gymnasium gehen?

Welche weiterführende Schule gewählt werden kann, hängt nicht nur vom Wunsch des Kindes oder der Eltern ab. Für das Gymnasium gibt es strikte Zugangsvoraussetzungen. Am wichtigsten ist, wie gut die schulischen Leistungen am Ende der 6. oder in manchen Fällen bereits der 4. Klasse sind. Wer die Voraussetzungen nicht erfüllt kann höchstens dann auf einen Platz am Gymnasium hoffen, wenn dort sonst nicht genug Schüler zusammenkommen. Das ist in unserer Region praktisch nirgendwo der Fall. Im Gegenteil: Die Gymnasien in Erkner und Rüdersdorf werden auf Grund des großen Andranges vergrößert.

Ein Drittel bis die Hälfte der Schöneicher Kinder kann den Zahlen nach zu urteilen also aus rein formalen Gründen kein Gymnasium besuchen. Das ist grundsätzlich überhaupt kein Problem, denn es gibt auch Schulformen, die alle Kinder besuchen können. Insbesondere die Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe. Dort gibt es keine leistungsbezogenen Aufnahmekriterien und für das Abitur sogar ein Jahr länger Zeit als an Gymnasien (nämlich 13 statt 12 Jahre).

Schule für alle Schöneicher Kinder?

Was hat das alles nun mit Schöneiche zu tun? Im Entwurf für den neuen SEP der Gemeinde wird in der Bedarfsanalyse für eine weiterführende Schule ausschließlich die Einrichtung eines Gymnasiums geprüft. Eine andere Schulform kommt darin nicht vor. Ein solches Gymnasium wäre aus den genannten Gründen allerdings keine Schule für alle Schöneicher Kinder. Im Gegenteil kommt hinzu: Deutschland ist eines der Industrieländer, in denen der Bildungserfolg eines Kindes am stärksten mit dem finanziellen und sozialen Hintergrund des Elternhauses verknüpft ist. Und das Gymnasium ist diejenige Schulform, die diesen Zusammenhang erst recht zementiert. Ein Gymnasium würde all jene Kinder von vornherein ausschließen, die tendenziell geringere Chancen auf gute Bildung haben.

Am Ende entscheidet der Landkreis, welche Art von Schule in Schöneiche errichtet wird. Doch die Meinung und Empfehlung der Gemeinde wird dabei wohl nicht unerheblich sein. Im SEP nicht einmal eine Alternative zum Gymnasium zu prüfen hält DIE LINKE deshalb für eine vertane Chance. Denn eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe, die modernen pädagogischen Standards genügt, kann jedem Kind ermöglichen, von der Einschulung bis zum Abitur in Schöneiche zur Schule zu gehen. Verbunden mit dem Konzept des längeren gemeinsamen Lernens in einer Gemeinschaftsschule bzw. einem Schulzentrum könnte für alle Schülerinnen ein stressfreies Aufwachsen im Heimatort ermöglicht werden. Das wird von der Landesregierung unterstützt. Wie dieses Konzept funktioniert, erklärt dieses kurze Video der LINKEN-Landtagsfraktion.

Offene Diskussion statt Vorfestlegungen

Die Linksfraktion in der Gemeindevertretung möchte, dass diese Option im SEP wenigstens als Alternative aufgenommen und geprüft wird. Das ermöglicht eine offene Diskussion mit den Einwohnern und dem Landkreis, welche Art von Schule sich Schöneiche wünscht. Wir haben dazu einen Brief an den Bürgermeister und das Planungsbüro geschrieben, der unter diesem Beitrag als PDF aufgerufen werden kann.

Außerdem möchten wir schon jetzt in die Diskussion über die Ausgestaltung einer künftigen weiterführenden Schule in Schöneiche einsteigen – bevor die Gemeindevertretung im November/Dezember über den SEP berät und entscheidet.

 

Lernen mit links. Information & Diskussion zur Schöneicher Schulpolitik

Alle interessierten Einwohnerinnen und Einwohner sind herzlich am 16. November 2017 um 19 Uhr ins Café der Kulturgießerei (An der Reihe 5) eingeladen! Wir werden über den aktuellen Entwurf des gemeindlichen Schulentwicklungsplanes und die Vorschläge für mögliche Schulstandorte informieren. Anschließend wollen wir über (linke) Perspektiven auf die Schöneicher Bildungspolitik, insbesondere zu einer weiterführenden Schule, diskutieren.

Veranstalterin: DIE LINKE Schöneiche bei Berlin

Brief der Linksfraktion an Bürgermeister und Planungsbüro (PDF)

Brief_EntwurfSEP_DieLinke
Fritz R. Viertel
Fritz R. Viertel ist Mitglied der Gemeindevertretung und Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE.

4 Gedanken zu „Wollen wir eine Schule für alle Kinder?

  1. Fritz R. Viertel Autor des Beitrags

    Liebe Herren Kalke und Heims, ich möchte Ihnen in vier Punkten widersprechen:

    1) Lehrkräftemangel ist kein Argument gegen eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Einerseits trifft er Gymnasien gleichermaßen, andererseits sind wir als Speckgürtelgemeinde in einer komfortablen Situation. Viele junge Lehrkräfte aus Berlin suchen im Umland eine Stelle, weil sie so in der Hauptstadt wohnen bleiben können und dennoch höher entlohnt und/oder verbeamtet werden.

    2) Das Argument, die Schöneicher*innen bevorzugten mehrheitlich ein Gymnasium, hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Es stützt sich auf eine fast zehn Jahre alte Umfrage unter Eltern von Grundschulkindern. Anlass war die Initiative zur Errichtung eines evangelischen Gymnasiums. Eine Gesamtschule kam darin meiner Erinnerung nach gar nicht vor. Eine Befragung aller Einwohner*innen über ihre bevorzugte Schulform oder auch nur eine aktuelle Elternumfrage dazu existieren nicht.

    3) Die Annahme, Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe seien eine Art Restschule und daher nicht für bildungsbewusste Eltern attraktiv bzw. in direkter Nachbarschaft zu Gymnasien nicht konkurrenzfähig, ist nicht korrekt. Gut die Hälfte aller Brandenburger Gesamtschulen befindet sich im Speckgürtel. Die MAZ hat schon 2014 berichtet, dass die Attraktivität dieser Schulform steige, u.a. wegen der um ein Jahr längeren Abiturphase. Viele Gesamtschulen im Berliner Umland müssen wegen der großen Nachfrage sogar Bewerber*innen ablehnen. Für das Abitur gelten an Gymnasien und Gesamtschulen dieselben Leistungs- und Qualitätskriterien.

    4) Eine Schule für alle Kinder ist nach meinem Verständnis eine Einrichtung, die ohne bestimmte Leistungsvoraussetzungen besucht werden kann und die einen wirksamen Beitrag dazu leistet, dass alle Kinder die gleichen Bildungschancen erhalten. Die Gemeinschaftsschule erfüllt genau diese Kriterien. Alle Kinder können von der Einschulung bis zum Mittleren Abschluss oder bis zum Abitur gemeinsam, mit- und voneinander lernen. Dieses Prinzip hat einen messbaren Effekt auf die Verknüpfung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft (nachzulesen u.a. in Dokumenten zur wissenschaftlichen Begleitung der Berliner Gemeinschaftsschulen). Das lange gemeinsame Lernen ist darüber hinaus eine Grundlage der skandinavischen Spitzenwerte im internationalen Bildungsvergleich.

  2. K. M. Heims

    Eine Schule für alle Kinder – das ist ein schöner Traum, den natürlich gerade Eltern mit Kindern im vor- bzw. schulfähigem Alter gerne verwirklicht sehen wollen.
    Aber diese Schule gibt es nicht. Und auch die Gemeinschaftsschule ist eine solche nicht – leider.

    Soweit meine Informationen reichen, haben sich die Schöneicher mehrheitlich für ein Gymnasium in ihrem Ort ausgesprochen. Man sollte diesen Wunsch respektieren, auch wenn damit erst alle Probleme einer Schulneugründung beginnen.
    Denn es gibt z.Z. nicht nur keine guten Lehrer, sondern gar keine Lehrer auf dem „Markt“.

    Eine weiterführende Schule in Schöneiche wird es anfangs schwer haben. Sie benötigt hinreichend Anmeldungen, damit überhaupt die Schule Bestand hat und eigenständig arbeiten kann. Wird sich hier für einen Schultyp entschieden, der nicht mehrheitlich gewünscht ist, dann melden die Eltern, die sich ein Gymnasium gewünscht haben, diese nicht an der Schule in Schöneiche an. Eine staatliche Schule, die nicht hinreichend genügend Schüler hat für anfangs wenigstens zwei 7. Klassen und danach für wenigstens drei, besser vier 7. Klassen wird nicht eigenständig existieren dürfen. Man wird eine solche Schule zu einer Außenstelle einer anderen Schule z.B. in Erkner machen. Lehrer*innen werden dann nicht alleine in Schöneiche unterrichten, sondern zwischen den verschiedenen Standorten pendeln müssen. Das ist weder für die Lehrer*innen noch für die Schüler*innen gut.

  3. Ralf Kalke

    Gemeinsames Lernen und Lernen voneinander und miteinander – insbesondere wenn man (von Natur aus) unterschiedlich ist. Wer mag da dagegen sein?
    Auch ich bin als Großvater und Vater einer Grundschullehrerin grundsätzlich ein Verfechter dieser Schulvariante. Gemeinschaftsschule sollte eigentlich der Regelfall sein. Aber: Die bundesrepublikanische und auch Berlin-Brandenburgische Praxis zeigt leider, das bei Verzicht auf Zugangstests das Niveau der Gymnasialen Oberschule nicht gehalten oder gesichert werden kann. Vermutlich könnte man ein besseres Niveau erreichen, wenn mehr und (vielleicht) bessere Lehrer verfügbar wären, aber…
    Was ich damit sagen und anregen möchte: Ihr Vorschlag der Öffnung und Offenhaltung der gymn. Oberstufe ist sozial und bildungspolitisch sicher richtig. Aber die institutionelle SICHERUNG des Niveaus der Fach- und Hochschulreife darf dann nicht vernachlässigt werden.
    Leider erfahren wir nämlich z.B. in der Praxis des guten Gedankens der Inklusion nämlich etwas ganz anderes…
    Mit weiter sympathiegetragenen Grüßen
    Fam. Dr. Kalke

  4. Walter

    Obwohl meine Kinder schon lange aus der Schule sind finde ich: dass hier ist doch mal eine vernünftige Idee.

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