(Artikel/RSO) In der letzten Gemeindevertretersitzung meldete sich Frau Dawydowa zu einem der Tagesordnungspunkte zu Wort. Aber nicht nur. Sie gab den Anwesenden bekannt, dass Frau Gertraud Fendt vor drei Monaten gestorben sei, und man vielleicht einen gedenkenden Hinweis in der Demos Wohnsiedlung anbringen sollte. Freunde haben einen Nachruf geschrieben. Demnächst wird auch eine ausführlichere, persönlichere Würdigung Offline zu lesen sein.

Nachruf Gertraud Fendt

1927-2018

1996, 1997, 1998. Einwohnerversammlung in Schöneiches konzentriertestem Wohngebiet, der DEMOS-Wohnsiedlung, Hohenberge. Lob war karg gesät, Sorgen und Beschwerden überwogen. Reizwort „Bolzplatz“. Eltern sagen Ja. Nicht-Eltern, überwiegend ältere Bewohner sagen, kommt nicht infrage! Und das hier entwickelt sich sowieso zum sozialen Brennpunkt!

Und was meinen die jungen Leute? Hier ist nischt los, nur die Schule und das Nest. Wir langweilen uns, sitzen irgendwo und trinken unser Bierchen, und wenn Leute uns anquatschen, texten wir sie zu. Klar zerschlagen wir auch Flaschen, wenn uns so ist. Ja, wenn wir einen Raum hätten!!

Auch darüber wurde in der Einwohnerversammlung diskutiert. Könnte die Gemeinde nicht einen unbenutzten Gewerberaum oder -keller anmieten? Eine Anwohnerin, Frau F., erklärte sich sofort bereit, sich zwei Tage als „Aufsicht“ zu betätigen. Das war der Anfang. Frau F. mietete schließlich einen Raum auf eigene Kosten, einen Rückzugsort für Kinder und Jugendliche. Richtete mit anderen dort eine Bibliothek ein. Weggeschmissene Bücher gab es ja zu dieser Zeit zuhauf. Helfende Hände und Köpfe gründeten einen Verein, Go In… die Stienitzsee GmbH…, Außenstelle der Kulturgießerei…, das Bündnis für Familie traf sich dort. Ein Nachbarschaftszentrum entstand, der Skat-Treff der Männer, Nähstube und Kaffeeklatsch der Frauen, Soziale Hilfe mit Nachhilfe-Unterricht, Schularbeitenaufsicht usw.

Die Kinder, das war ihr Arbeitszentrum, da war sie autark. Heute sind die Räume leer und tot.

Gertraud Fendt wurde am 30.11.1927 in Augsburg am Lech geboren, lernt fleißig, studiert, wird Lehrerin, Studiendirektorin, 2. Bürgermeisterin in Zusmarshausen, Mitglied im Katholikenrat des Bistums, engagiert sich in der Jugendarbeit. Sie war temperamentvoll, zivilcouragiert, aber auch vertrauensselig und von hohem Gerechtigkeitssinn. 1996 folgte sie ihrem Lebenspartner, der eine Arbeit in einem Berliner wissenschaftlichen Institut übernahm. Und als der Wohnpark in Schöneiche fertig war, wurde hier ihr beider Zuhause, und wie konnte es anders sein, ihr neuer aktiver Arbeitsplatz. 2015 krankheitsbedingt Rückkehr ins Schwabenland.

Gestorben am 31. 3. 2018 in Zusmarshausen.

Mit jedem dieser Sehr-Alten, deren Namen uns seit Jahrzehnten vertraut sind, geht mehr dahin als eine Person. Eine Zeit nimmt Abschied. (Ernst Jünger)

 

Mehr zu Gertraud Fendt:

MOZ, 03.04.2008: https://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/10042/

Augsburger Allgemeine, 13.12.2017: https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-land/Fruehere-Zweite-Buergermeisterin-Gertraud-Fendt-wurde-90-id43538496.html

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Redaktion Schöneiche Online