Die Schreibwerkstatt trifft sich jeden zweiten Freitag im Monat 18,30 Uhr im Heimathaus Schöneiche, Dorfaue 8 und liest und diskutiert selbstverfasste Texte. Gäste sind gern willkommen, auch wenn Sie vorab keinen eigenen Text vortragen möchten.

Auschwitz auf Lesbos

   Endlich ist es wieder so weit. An die achtzig Jahre hat es gedauert. Doch nun ist die Erkenntnis gereift, so wie bisher geht es nicht weiter, die Unzufriedenheit steigt, die Probleme sind nicht mehr zu meistern. Angst breitet sich aus, lähmt allenthalben das Geschehen. Und wer dazu schweigt und will das nicht sehen, macht sich mitschuldig am Elend der Zeit. Herbei eilen immer mehr Flüchtige aus aller Welt. Für sie scheint Deutschland wie ein Schlaraffenland aus alter Mär. Sie überwinden jedes Hindernis, scheuen kein Risiko mehr. Gefühlsduselei bringt uns nicht weiter, stürzt uns ins Verderben. Realpolitiker haben die Krux klar formuliert: Die ungebeten zu uns kommen, werden auf Lesbos oder in der lybischen Wüste in Lager konzentriert!

   Australien hat es vorgemacht, seit fünfzehn Jahren bewährt. 2001 ret­tete ein norwegischer Frachter 433 Flüchtlinge aus Seenot vor Indonesien, durchaus lobenswert. Der Kapitän, ein ehrenwerter Mann, steuerte pflicht­getreu die Weihnachtsinsel, australisches Außenterritorium, als nächstes Festland an, um die Flüchtlinge da abzusetzen. Vor der Weihnachtsinsel enterte australisches Militär widerrechtlich den Frachter und untersagte dem Kapitän, anzulegen im einzigen Hafen vor Flyin Fish Cove, dem Hauptort der Insel.

   Weihnachten: Kerzenschimmer, Glockenklang, Kinderchorgesang – Symbole für Frieden und Nächstenliebe auf der ganzen Welt. Fünf Tage umfuhr das Motorschiff die Insel. Der Australische Bund wollte verhindern, dass Flüchtlinge australischen Boden beträten, was automatisch das Recht auf Asylprüfung bewirkt haben würde. Die Weltöffentlichkeit hat das barbarische Taktieren vehement kritisiert. Die honorigen Bürger des fünf­ten Kontinents haben sich geriert, diese Notsituation als solche anzu­erkennen. Der UNO-Generalsekretär intervenierte: So rabiat mit Erdenbürgern zu verfahren, verstoße gegen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Die Australische Regierung reagierte beschämt und deklarierte eine „pazifische Lösung“. Die Flüchtigen wurden auf dem Inselstaat Nauru unter der Äquatorsonne zwischengelagert, eine Menschendeponie ohne ausreichend Wasser und Brot, damit sie mit sich selber reuig barmen: ach, wären wir nie geflohen. So wird seit fünfzehn Jahren strikt verfahren, völlig ungeniert. Eine Mutter von vier Kindern, allerdings ist sie geschieden, die Kinder leben beim Vater, das fünfte ist unterwegs, lobpreiste das australische Modell als brauchbare Lösung für die europäischen Staaten.

   Die von der alternativen Fraktion haben applaudiert und formuliert: die Insel Lesbos machen wir zum europäischen Nauru, ihr werdet sehen, schnell und reibungslos wird das geschehen. Und wie sich zeigt, christlich-konservative Parteien sind auch nicht abgeneigt. Wir müssen der Umvolkung ein Ende bereiten. Die ungarischen und österreichischen Politiker haben das längst kapiert. Auch Deutschland kann sich den Luxus mitmenschlicher Gefühle nicht länger leisten. Wir können nicht den Armen und Bedrängten der gesamten Welt bei uns im Bayrischen Wald, in Berlin, auf Hiddensee oder Rügen eine neue Heimat bieten. Lasst künftig alles Fremde draußen. Dazu berechtigt, ja sogar verpflichtet, ist jeder Staat. Es ist dessen vor­nehmliche Aufgabe. So einfach ist das.

   Noch weiß nämlich jedes Kind, wie in Auschwitz die Probleme gelöst worden sind. Schließlich geht es wieder um Millionen. Und täglich kommen mehr, zunehmend aus Afrika, die sind obendrein schwarz! Was soll denn das, wie wird das enden? Die lassen sich durch meterhohe Mauern und Stacheldrahtverhaue nicht verschrecken. Bei denen geht es buchstäblich um leben oder verrecken. Was die nicht kriegen, werden sie sich nehmen. Wir müssen künftig siegen und brauchen uns dafür nicht zu schämen.

   Barackenlager á la Konstruktion Büro Albert Speer, Sie kennen das doch noch, sind unübertroffen raumeffizient. Wir tun uns manchmal viel zu schwer. Verbrennungsöfen von Topf & Söhne, das Erfurter Mittel­ständische Unternehmen, wird rekonstruiert auf dem alten Firmengelände an der Weimarschen Chaussee. Gaskammern müssen nicht wieder sein. Nein, bei den miserablen Bedingungen in diesen Hotspots auf Lesbos gehen die meisten von selber zugrunde, Frauen und Kinder zuerst. Es fällt uns nicht leicht, aber den Medien darf kein Zugang gewährt werden. In aller Stille erfüllen wir Volkes Wille. So soll es sein. Es gibt genügend andere Aufgaben und zu lösende Probleme.

Das auszusprechen sich keiner schäme.

Scheiß auf die Häme der Weltverbesserungsillusionisten.

Schließlich leben wir in einer Welt von Christen.

In Gottes Namen.

Amen.

 

Klaus Werner Hennig

Kleider

 

   Als es kaum Auswahl in den Läden gab, da wusste meine Frau noch, was genau sie wollte. Da fuhr sie mit mir zielgerichtet in die Stadt, wir gingen schnurstracks ins Geschäft hinein, es gab davon nicht allzu viele, und die Verkäuferin, sie bückte sich, griff ohne Suchen untern Ladentisch und zog ein Kleidungsstück hervor, nach erstem Eindruck von Dior, auf jeden Fall die Haute Couture. Und meine Frau, sie flüsterte, ick liebe dir. Und die Verkäuferin erhielt zusätzlich einen Schein, bedankte sich und knickste leicht mit einem Bein.

   Doch heute, Kataloge türmen sich zuhauf.  Es wird geblättert, angekreuzt, verworfen und stöhnend aufgeschaut, ich soll entscheiden. Ich? Wieso denn ich? Was geht’s mich an, ob dein Pullover blau, rot, gelb, grün oder sonst wie knallt? Die Modefarbe der Saison, wer kennt die schon? Die wechselt ständig. Nimm am besten Ton in Ton, dann bist du immer schick. Bei Modefarben wär es reiner Zufall oder Glück. Da halte ich mich lieber raus und sage, das Budget wird dir nicht limitiert. Es ist das äußerste, was du von mir verlangen kannst.

   Prêt-à-porter im Schlussverkauf ist preisgesenkt wie nie zuvor, haucht meine Frau mir noch ins Ohr. Und blättert und blättert, knickt in alle Seiten, die sie interessieren, Eselsohren ein. Ich dünke mich total verloren, fang wie ein Esel an zu schreien: iah.

   Sie barmt und stöhnt, ich stünde ihr nie bei, derweil ich ihr schon lange keine Hilfe sei. Doch plötzlich hält sie inne, seufzt mit Einsicht: Gott sei   Dank, er ist ja proppenvoll, mein Kleiderschrank.

Sieh an.

 

Klaus Werner Hennig

Syrisches Klagelied

 

   Sind aus fernem Land durch die Wüste gerannt, dem Verdursten nah, am Meeresstrand dichtgedrängt auf ein Schlauchboot gezwängt, in Seenot geraten, steuerlos hin und her geschwemmt, dem Ertrinken nah, ausgezehrt an Land gekrochen, Urlauber starrten wie auf wildes Getier, auf Ungeziefer, das im Abfall wühlt und im Erdboden nach Fressbarem scharrt. Haben im Verborgenen ausgeharrt auf der Suche nach dem Weg ins gelobte Land, nur wusste keiner mehr, welches Land das wirklich wär. Ob Deutschland? Oh Deutschland, Deutschland über alles – ob Deutschland das wirklich ist, bleibt schleierhaft, ungewiss. Wir hörten Entsetzliches von Schmährufen, Hasstiraden, Brandanschlägen, von Rowdys, die über kleine Kinder gebeugt, es ist nicht zu fassen, ihren Urin ablassen. Aber auch von Willkommensbekundung, Mitgefühl, ja Mitmenschlichkeit mit großem Bahnhof, viel Beifall und wohltuender Aufmerksamkeit. Auf einer Welle großzügiger Spendenfreudigkeit wurden Scharen junger Männer, Frauen und Kinder willkommen geheißen. Trotzdem, wir waren gewarnt, uns vorzeitig registrieren zu lassen, vorsichtshalber den Pass entsorgen, Dokumente vernichten, verschweigen, wer wir wirklich sind. In einer Sprache palavern, die kein Mensch, die du selber nicht verstehst. Schlage dich anonym durchs weitere Leben, eine zweite Heimat wird weder dir noch mir je gegeben. Wie es scheint, ist es hoffnungslos. Meine Großmutter hat zu mir gesagt: Mein Junge, solange du lebst, sei dankbar denen, die dich am Leben lassen, denn dort, wo du herkommst, ist für dich zu leben nicht mehr möglich gewesen. Wahrlich, ich sage euch, so ist es und nicht anders.

   Am Tage schlafen, versteckt im Gebüsch, so gut jeder kann, wobei ständig grauenvolle Albträume uns plagen. Nachts schloss ich mich einer Gruppe Flüchtiger an. Durch die Fenster in übervolle Züge sich stopfen und quetschen, keiner wusste, wohin die Waggons überhaupt rollen, an Achsen von Schwerlasttransportern sich klammern, zu Fuß auf steinigem Pfade bergan, immer weiter geflüchtet nach Norden. So gelangten wir übers Gebirge hinweg, erreichten flaches Land, wo Milch und Honig fließen, für Mensch und Tier ausreichend Körner wachsen. Wir haben bloß noch das Hemd am Leibe, erbitten kein Zuhause, nur eine Bleibe. Die Hoffnung lassen wir uns nicht nehmen. Wir müssen uns unserer Herkunft, unserer Hautfarbe, unseres Glaubens und des Wunsches auf bezahlte Arbeit, von der wir leben können, nicht schämen. Das ist Menschenrecht.

   Wir möchten kein grünes oder gelbes Bändchen ans Handgelenk, keine Nummer in den Unterarm eintätowiert bekommen oder uns anderweitig registrieren, stigmatisieren, einpferchen lassen, dafür sind wir nicht durchs Meer geschwommen. So viele Menschen auf der Flucht, wir werden im gelobten Land zwar geduldet und dennoch von denen verflucht, die an Hoffnungen für sich selber hangen und sich vor anbahnendem Verteilungskampf um Billiglohnjobs und bezahlbaren Wohnraum bangen, und das nicht nur in Dresden, Leipzig und Brandenburg. Hinterfragt wer die Gründe, wenn der Straßenmob randaliert, die Bundeskanzlerin als verräterische Fotze schimpfiert? Oh sancta Mama Angela, mater dei, lasset die Kindlein zu ihr kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes. Lob sei Allah, dem Weltherren, dem Allerbarmer, dem Barmherzigen in Ewigkeit, amen.

   Mit euren Waffen, die ihr gewinnbringend exportiert, werden seit Jahren in unserem Land erbarmungslos Kriege, jeder gegen jeden, geführt, die unsere Heimat total zerstörten. Weil es euch zu gut geht, haben wir für uns nichts mehr zum Leben, können unsere Kinder in keine Schule mehr geben. Deshalb sind wir scharenweise fortgerannt, haben uns aufgemacht, wurden gehetzt, sind wochenlang gelaufen, zu guter Letzt durchs Meer um unser Leben geschwommen, auf allen Vieren kriechend zu euch an die Küsten Europas gekommen. Schlagt mit Stöcken auf uns ein, spuckt uns an, sperrt uns ein, verteilt Almosen und schiebt uns morgens in aller Frühe in eures Gottes Namen ins „sichere Herkunftsland“ gnadenlos ab. Wir werden trotzdem wieder zu euch kommen, immer wieder, millionenfach, bis ihr an uns zurückgebt, was ihr uns genommen habt.

Demütig kauern wir an meterhohen Mauern, ausdauernd wartend vor Zäunen mit Stacheldrahtverhau.

Harrend in Hunger, Elend und Not.

Heute noch lebendig.

Morgen schon tot.

 

Klaus Werner Hennig

Die gute Mutti bittet zu Tisch

   Einmal monatlich ist Familientag. Das muss sein. Darin sind wir uns einig, meine Frau und ich. Die Kinder folgen der Einladung widerwillig, aber letztlich fügen sie sich – noch ist es so. Im Zug der Zeit flattert eh alles auseinander. Kein familiärer Zusammenhalt, so wie in früheren Zeiten bei den Eltern nach dem Krieg. Nach welchem, fragen die Enkelkinder. Ja, trotz der totalen Nieder­lage, es wurde jedes Fest gefeiert. Wenig stand zwar auf dem Tisch, aber da wurde kein Blatt mehr vor den Mund genommen, gescherzt, gelacht und allemal gesungen: So ein Tag, so wunderschön wie heute. Ein schöner Tag, und dass er nie vergehen sollte. Na ja.

   Die Kinder sind nun groß, erwachsen, Gott sei Dank, verheiratet und haben selber welche. Wenn alle dann einmal im Monat beim Familientag beisammen sind, halten wir kein Referat, fordern keinen Rechenschaftsbericht, aber es wäre nicht zu viel verlangt, wir würden wenigstens grob informiert. Ein jeder schil­der­te kurz die wichtigsten Ereignisse, wie geht’s den Kindern, was ist passiert, schätzt die Erfolgsaussichten ein und resümiert ganz offen, was derzeit nicht in Ordnung ist, nennt seine Schwächen, seine Stärken und sagt, ob man ihm helfen soll, die Wirtschaftskrise zu bemeistern. Wir als die Eltern behielten so die Übersicht, könnten behutsam reagieren, beraten, loben, tadeln, diskutieren – anspornen zu neuen Anstrengungen und Taten. Und keiner verlöre sein Gesicht, wenn es allmonatlich heißt, die gute Mutti bittet zu Tisch.

   An so einem Tag wäre was los. Aber sie sitzen alle nur da wie Mohnenkloß, rund um den Tisch, sagen artig bla, bla, bla, sind freundlich bli, bla, blö, erzählen den einen oder anderen Witz, sagen uns aber nicht, was sie wirklich bewegt. Was sind ihre Pläne, wohin möchten sie gehen? Gegen welche Widerstände müssen sie kämpfen, welche Gefahren bestehen? Ihre Sorgen verschweigen sie uns. Nein, wir dürfen sie nicht beraten, wüssten eh alles besser und würden ihnen bloß schaden.

Danach trösten wir uns. Alles in allem, sie sind gut geraten. Haben ihr eigenes Leben.

Eben.

Klaus Werner Hennig

Idomeni

   Ein alter Mann über die Achtzig, Minister a. D., schläft in seinen Schlafsack gehüllt aus Solidarität mit den Flüchtenden dieser Welt, als nachts in einem Zelt nebenan eine hochschwangere Frau ihr Kind gebiert und kein Arzt, kein Geburtshelfer zur Stelle ist, der ihr beistehen kann. Ihr Ehemann wartet in Deutschland in einem Flüchtlingscamp. Dorthin möchte sie unbedingt. Sie schreit nicht, sie beißt die Zähne zusammen und wimmert leise vor sich hin. Der alte Mann, jetzt hellwach, hat es mitbekommen, kriecht aus seinem Zelt, stapft durch den Schlamm, will helfen als Christenmensch. Die Mutter hat sich die Nabelschnur selbst durchgebissen, bettet das schreiende Neugeborene auf das einzige Kissen im Zelt, daneben liegen drei weitere Kinder mit aufgerissenen Augen in eine Decke gehüllt, frierend, hungernd. Sie sagen nichts, halten sich eng umschlungen. Das Kerzenlicht flackert. Klaglos wäscht die Frau das Neugeborene in einer Regenpfütze, lächelt beglückt. Der alte Mann schaut entgeistert, spricht von Kulturschande für Europa, möchte helfen, holt trockene Tücher. Die Mutter bedankt sich, thank you, Germany, thank you, legt sich das Kleine an die Brust. Es ist ein Junge, sie hat es gewusst. Er soll Djadi heißen, flüstert sie in die eiskalte Nacht, es bedeutet, „mein Glück“; denn sie hat ihn gesund zur Welt gebracht, mutterseelenallein, hier in Idomeni, in Griechenland, an der Grenze zu Mazedonien, umgeben von Zäunen und endlos ausgerolltem Stacheldraht.
   Dafür gibt es Zeugen.
   Doch wer klagt wen an?
   Und vor welchem Gericht?

Klaus Werner Hennig

 

Die Texte unterliegen dem Urheberrecht und sind nicht zur freien Verwendung vorgesehen.

1 Kommentar

  1. Carola Kautz

    Sehr geehrter Herr Henning, vielen Dank für den 2. Platz meiner Tochter Swantje Kautz.

    Ihre hier gezeigten Texte sind interessant und ich werde mich weiter informieren.

    Ich bin neugierig auf die anderen Texte der jugendlichen Schreiber und verbleibe mit freundlichen Grüßen aus Frankfurt Oder, Carola Kautz

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